Skip to content

Halbjungfrauen - die Sünden junger Frauen Anno 1902

Buch "Halbe Unschuld"
Der Müßiggang ist aller Laster Anfang, sagt der deutsche Volksmund. Und jene „unbeschäftigten Stunden“ vertreiben sich junge Französinnen durch „Flirts von denkbar wenig unschuldiger Art“.

Treibhausblumen, die zu früh gepflückt wurden

Der französische Autor, der dies 1902 beklagt, ist Professor für politische Ökonomie, fürchtet aber vor allem den Verfall der Moral. Seine Meinung nach sind die jungen Frauen seiner Zeit verantwortlich dafür:

Eine ganz eigene Generation (wächst) heran: eine, die sich anmaßt, sämtliche gesellschaftlichen Konventionen durch schiere Unverfrorenheit und Kühnheit über Bord zu werfen. Dort, inmitten einer luxuriösen und fieberhaften Atmosphäre, umgeben von einem endlosen Reigen an Festlichkeiten, erblühen die „Halb-Jungfrauen“ – Treibhausblumen, die zu früh gepflückt wurden und die es sich zur Ehrensache machen, sich ganz offen von allem zu emanzipieren, was sie einengt.

Wie wird man eine "halbe" Jungfrau?

Halb-Jungfrauen ist ein Zauberwort, das um die Jahrhundertwende (seit 1894) die gesamte vornehme Gesellschaft elektrisiert – vor allem in Frankreich.

Was sie waren, ist schnell erklärt: Frauen, die das Spiel der sexuellen Erregung eines Mannes beherrschen und ihn „bis aufs Blut“ reizen. War dies erreicht, dann erwartete der Mann den nächsten Schritt, der tatsächlich auch in verschiedener Weise gewährt wurde – allerdings nicht durch die „Öffnung des Schoßes“. Die „Jungfräulichkeit“, die als letztes Symbol der Unschuld galt, blieb unbeschädigt.

Allerdings, so der Herr Professor, den ich zitierte, sei das Phänomen der „Halbjungfrau“ kleine französische Erfindung. Er weist vielmehr darauf hin …

… dass diese Korruption nicht ausschließlich französischen Ursprungs ist. Man muss sie … als ein merkwürdiges Beispiel einer „Ansteckung durch Infiltration“ betrachten. Seit einigen Jahren strömen junge angloamerikanische Frauen in unsere Kurorte und Pariser Salons; und unsere eigenen jungen Damen … haben schnell die kühnen Manierismen und die emanzipierte Zurückhaltung ihrer ausländischen Kollegen nachgeahmt. Doch nachdem diese Freiheiten im richtigen Moment von der Zurückhaltung befreit wurden, die ihnen die protestantische Kühle dieser überseeischen Länder auferlegt, degenerierten sie schnell.“


Und so wurden die verführerischen jungen Damen, die sich die Lust leisteten, alles tun zu dürfen, solange es sich nicht um „penetrativen Intimverkehr“ handelte, zu Verführten.

Wie die Halbjungfrau verschwand und die "Keuschheit" blieb

Die „Halbjungfrauen“ verschwanden als Begriff so schnell wieder, wie sie sie gekommen waren. Die Keuschheitsforderung an die jungen Frauen bestand allerdings bis in die 1960er-Jahre weiter. In konservativen und klerikalen Kreisen wird diese Forderung sogar bis heute erhoben.

Bild: Zeichnung des Umschlagsentwurfs für "Demi Vierge" von Thomas Theodor Heine. Zitate aus "Projekt Gutenberg"