Wie die Sünden in unser Leben eindrangen

Erst das Zusammenspiel der Gegensätze erzeugt die Dinge dieser Welt. Sie alle gehen auf den einen Weg zurück. Deshalb gewinnt man manchmal, wenn man etwas verliert, oder man verliert, wenn man etwas gewinnt.
Lao-Tse
„Die Sünde“ existiert in der Form, in der westliche Gesellschaften sie verwenden, nur als Teil des Christentums. „Fleischliche Sünden“, also das Fehlverhalten in sexuellen Belangen, gehen auf Paulus von Tarsus zurück, der besser als „Apostel Paulus“ bekannt ist. Er lebte bis zum Jahr 50 n. Chr. Der Kirchenlehrer Augustinus von Hippo (354 – 430) entwickelte daraus eine moralische Lehre, die bis heute als „Denken des Abendlandes“ gilt. Auf ihn wird auch die von der katholischen Kirche vertretene Sexualmoral zurückgeführt.
Der spanische Jesuit und Moraltheologe Thomas Sanchez (1550–1610) interpretiert diese Thesen in sein monumentales Werk „De sanft matrimonii sacramento“ ("Über das heilige Sakrament der Ehe"). Es sollte den Priestern helfen, die begangenen leiblichen Sünden genau zu hinterfragen.
Der Autor Werner Fuld schreib dazu (1):
Der Priester musste die Beichtenden fragen, welche Stellung sie beim Liebesakt einnahmen, wie oft und wie lange sie miteinander schlafen, ob die Frau einen künstlichen Penis benutzte und wie sie sich damit befriedigte, ob ein Paar Oralverkehr pflegte und ob die Frau dabei den Samen schluckte.
Nicht-Christen reden nicht von Sünden - aber auch von Werten
Auch Nicht-Christen haben Wertvorstellungen. Sie werden aber unterschiedlich behandelt, je nachdem, ob sie …
- Gegen geltende Gesetze verstoßen.
- Den Vorstellungen der eigenen Kultur widersprechen.
- Gegen anerkannte ethische Werte verstoßen.
- Sonstigen Vorstellungen und Normen widersprechen.
- Nur in bestimmten Gruppen oder Gemeinschaften gültig sind.
So etwas tut man nicht!
Menschen entwickeln sich - Werte ändern sichAls wir alle noch sehr jung waren, haben wir gehört, dass uns etwas „verboten“ ist, aber auch, dass „man so etwas nicht tut“. Manchmal haben wir eine Begründung dazu bekommen, etwa „es könnte dir schaden“, „es schadet unserem Ruf“ oder auch „es könnte jemandem schaden … deswegen tut man es besser nicht.“
Als Erwachsene haben wir Menschen unser persönliches Geflecht von Grundsätzen entwickelt. Wie in einem Puzzle gehörten dazu durchaus unterschiedliche Werte. Zu Anfang wusste niemand von uns, ob dieses Gebilde der Realität standhalten würde.
Mit wachsendem Alter haben die meisten Menschen jedoch entdeckt, dass es zu schwer ist, den eigenen Maximalanforderungen gerecht zu werden. Die eigenen Wertvorstellungen werden dann skaliert, beispielsweise, wenn es um die „absolute Aufrichtigkeit“ geht oder die „unverbrüchliche Treue“.
Der Maßstab ist das Verhalten
Heute werden wir nicht mehr danach beurteilt, ob wir „sündigen“ oder ein „gefestigtes Leben“ führen, sondern in welchem Maße wir als Persönlichkeiten glaubwürdig sind. Und weil sich die Persönlichkeit letztlich fast ausschließlich in unserem Verhalten niederschlägt, wäre dies ein Anfang, unser eigenes Verhalten zu überprüfen.
Um auf das zu Anfang genannte Zitat zurückzukommen:
Wenn die Welt aus Gegensätzen besteht, dann können wir sie zumindest ausführlich beschreiben und sie somit allen zugänglich machen. Und schließlich können wir uns selbst mit gutem Gewissen irgendwo einordnen.
Fuld, Werner: Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens", Berlin 2014.
Skulpturen von von Eva, Adam, Teufel - unbekannter afrikanischer Künstler, Foto: Redaktion Sehpferd