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Die Psychologie als Hüter der Gefühle

Seit die Psychologie die Psyche als philosophisches Phänomen verlassen hat und die „Psychologie ohne Psyche“ von Wilhelm Wundt (ab ca. 1870) eingeführt wurde, hat sich etwas in der Sichtweise der Gefühle verändert. Aber erstens nicht genug, um die Ergebnisse anzuerkennen, und zweitens gab es einen erheblichen Rückschlag, als die Psychologie durch Carl Gustav Jung (ab ca. 1915) erneut mystifiziert wurde.

Das ist die Ausgangslage. Die Psychologie schwankt zwischen mystischen Vorstellungen des „Unbewussten“ und den harten Fakten der Evolution. Doch immer mehr wird deutlich: Die Naturwissenschaften sind in die Psychologie eingedrungen - und Gefühle können nie wieder so definiert werden, wie Freud und Jung sie sahen. Wir sind also gefordert, unser Weltbild zu verändern und es neuen Erkenntnissen anzupassen.

Psychologie ohne Mystik - eine neue Sichtweise

Bei den Gefühlen haben wir eine andere Ausgangslage als bei Religion und Philosophie. Seit sie nicht mehr mit dem „Gemüt“ identifiziert werden, und wir immer mehr über die Entstehung der Gefühle wissen, sind sie dem Zauber des Mystischen entrissen. Seither können wir Gefühle auf natürliche Ursachen zurückführen. Dabei helfen uns nicht nur Kenntnisse über die Evolution, die Biochemie, die Lernprozesse und die allgemeinen Funktionen unseres Gehirns. Eine heute fast vergessene Wissenschaft, die Kybernetik, erlaubte uns, Regelungs- und Rückkoppelungsprozesse aus dem technischen Bereich auch auf den Menschen anzuwenden. Diese Methode ist ebenfalls nicht neu, aber man benutzte andere Namen dafür. Sie wurde zumindest in Teilen schon von dem Psychologieprofessor William James (1872) angewendet, der den Pragmatismus in die Psychologie einbrachte. Auch beidem bereits erwähnten Leipziger Professor Wilhelm Wundt taucht eine neutrale, naturbezogene Betrachtungsweise auf. In der Folge gab es mehrere Autoren, die versuchten, die Natur des Menschen durch Ingenieurwissenschaften zu erklären, unter anderem der populäre Mediziner Fritz Khan in den 1920er-Jahren. In den 1970ern gab es zahllose Ansätze, die den Menschen als ein „sich selbst regulierendes System“ darstellten und dabei Elemente der Nachrichtentechnik und der Kybernetik benutzten. Die geschah etwa in den 1970er-Jahren, namentlich auf Initiative von Karl Steinbuch.

Auch Paul Watzlawick hat mit seiner Kommunikationstheorie namhaft dazu beigetragen, dass Gefühle „entmystifiziert“ wurden. Wenn es nämlich unmöglich ist, nicht zu kommunizieren, werden Gefühle bereits kommuniziert, bevor überhaupt ein Wort gefallen ist.

Warum Psychologie weiterhin wichtig ist

Die Psychologie ist deshalb als Interpretin der Gefühle nicht „gestorben“. Das liegt an einer Tatsache, die uns alle hemmt, denn bekanntlich haben wie keinerlei Möglichkeit, die Gefühle, Gedanken und Entscheidungen exakt nachzuverfolgen – von der Entstehung bis zu den Folgen. Wir nehmen inzwischen an, dass dies alles ziemlich individuell abläuft. Denn bevor, ein Gefühl einen erkennbaren Ausdruck bekommt, hat es in vielen Fällen einige Dutzend Hürden überwunden, Warteschleifen gedreht oder Wandlungen erfahren. In ihnen liegt nach wie vor das Geheimnis, das wir nicht lösen können.

Das Drama der Psychologie heißt Definitionssucht

Das Drama der Psychologie besteht in ihrer Definitionssucht: Ist etwas einmal etikettiert, dann existiert es auch – unabhängig von den Erkenntnissen anderer. Nun sind aber Gefühle keine festen Größen, und aus diesem Grunde wandeln sie sich im Menschen, in der Gesellschaft und auch in der Wissenschaft.

Aber – was meinen denn nun eigentlich Psychologen zu Gefühlen?

Das wollen wir herausfinden und uns einige der gegenwärtig gültigen Definitionen der Psychologie ansehen.

Dieser Artikel gehört zu Kapitel 2 der Online-Reihe "Fühlen ist ein seltsames Gefühl" und behandelt die Rolle der Psychologie bei der Beschreibung und Bewertung von Gefühlen.

Fühlen und Körper

Hätten wir keinen Körper, so wären Gefühle lediglich ein Begriff aus der Abteilung „Mysterien des Seins“. In Wahrheit ist der Körper der Träger der Gefühle. In ihm werden sie empfangen und verarbeitet. Und aus ihm heraus kommt schließlich eine Reaktion, die wenigstens für den „Inhaber“ des Körpers erkennbar ist - also für uns. Und oftmals eben auch für andere.

Soweit das „Soziale“ betroffen ist, sind Gefühle, die „körperliche Reaktionen“ auslösen, zumeist sinnvoll. Oft ist uns dennoch nicht klar, was sie wirklich bedeuten, zum Beispiel grundlose Scham. Wollten wir das erfahren, müssten wir tiefer in die Sozialstrukturen unserer Vorfahren und tierischen Verwandten eindringen, also mindestens bis zu anderen Primaten. In jedem Fall gehören Gefühle, die sich körperlich äußern, aber nicht eindeutig sind, zur „analogen“ (oder „nonverbalen“) Kommunikation in Gruppen. Ähnliches dürfte für „weiche Knie“ und ähnliche heftige Phänomene gelten, auf die wir kaum Einfluss haben. Diskutiert wird heute, welche dieser Gefühle durch die Evolution entstanden sind, meist, um das Sozialgefüge zu verbessern, und welche „anerzogen“ sind. Beispiele: („Das tut man nicht“, das ist „Pfui“, darüber spricht man nicht)“.

Beispiel Sexualität

Alles, was mit der Fortpflanzung zusammenhängt, äußert sich zwangsläufig körperlich – von der „Anziehung“ der Geschlechter über den reinen Geschlechtsakt bis hin zu Abweichungen und Spielformen. Der Ursprung ist unabhängig von der „sexuellen Orientierung“, also gleich, ob sich ein einzelner Mensch zu einem sogenannten „Heterosexuellen“ entwickelt oder sich als „Homosexuell“ einordnet. Da nahezu alle Lebewesen in der Sexualität mit „Überschuss“ arbeiten (eine enorme Anzahl von Spermien, befruchteten Eiern oder eine entsprechende Menge körpereigener Drogen), ist Sexualität eine der extremsten Auswirkungen der Gefühle.

Das bekannte Fühlen

Die Gefühle innerhalb der Sexualität sind zwar nicht sehr ausführlich dokumentiert, haben aber den Vorteil, dass sie von vielen Menschen erlebt werden konnten. Zumeist wächst das Gefühl der Lust zunächst langsam. Das liegt an einem Prinzip unseres Gehirns wie auch unseres Körpers allgemein: Gefühle, die keine sofortigen Handlungen verlangen, werden solange „auf Sparflamme“ gehalten, bis die Situation konkreter wird. Wäre das nicht so, müsste jedes Mal ein gewaltiger körperlicher Prozess in Gang gesetzt werden, der viel Ressourcen kostet.

Ein Beispiel dafür ist der Flirt, der die Möglichkeiten für den Geschlechtsverkehr andeutungsweise und spielerisch offenlegt. Dennoch führt er nur selten zur spontanen Ausführung“. Wenn wir viele Zwischenstufen überspringen, kommen wir zu dem Moment, in der Geist, Emotionen und Körper sich einig sind, nunmehr den Geschlechtsverkehr auszuüben. Danach gibt es kaum noch ein „Zurück“, und der Prozess wird unter dem Einfluss der Wollust, die den Körper durchströmt, mit allen Konsequenzen ausgeübt. Dabei wird der Verstand bewusst „zurückgeschaltet“, während die Begierde gesteigert und schließlich durch eine Ejakulation und/oder durch einen Orgasmus belohnt.

Einige Gefühle führen zu menschlichen Handlungen, die uns empören oder die geschriebene Gesetze brechen, andere führen zu vorübergehenden Schäden oder wundersamen Reaktionen.

Beispiel Angst

Die Angst gilt als eines der stärksten Gefühle. Sie stammt eindeutig aus der Evolutionsgeschichte und ist an sich nicht negativ besetzt. Erst, wenn sie uns lähmt oder hindert, ein besseres Leben zu führen, bekommen wir Schwierigkeiten. Und falls diese nicht nach kurzer Zeit wieder verschwinden, werden wir möglicherweise zum Klienten eines Verhaltenstherapeuten oder zum Patienten eines Psychiaters. Derzeit ist noch unklar, warum sich manche Gefühle (nicht nur die Angst) in der Erinnerung festsetzen und dort Unheil anrichten.

Manche Gefühle äußern sich körperlich in Aggression (Angriffslust). Obgleich diese Gefühle auch aus den Grundlagen der Evolution stammen, versuchen wir, sie weitgehend zu verhindern.

Sobald wir darüber reden, betreten wir das Gebiet des „Lernens“. Wenn wir etwas als „Gefahr“ empfinden, können wir fliehen, standhalten oder in Kampfstellung gehen. Ob wir dann „zuschlagen“ oder nicht, ist ein Ausdruck dessen, was die Natur uns mitgab und was wir zusätzlich sozial erlernt haben. Viele junge Säugetiere erlernen dies im Spiel - der „Gegner“ wird spielerisch so lange attackiert, bis er eine Demutsgeste zeigt oder verschwindet. Es sei denn, man würde selbst fliehen oder Demut bezeugen.

Wir wissen noch lange nicht alles über die Gefühle

Wir wissen nicht alles über alle Gefühle. Insbesondere bleibt unklar, warum sich Gefühle „verselbstständigen“ und auf diese Weise Schaden anrichten. Es ist auch nicht Sinn dieser Betrachtungen, krankhafte Regungen zu beschreiben. Der „gesunde Körper“, der „gesunde Geist“ und der vernünftige Einsatz von Gefühlen ist – wie ich meine – schon interessant genug. Und selbst die einfachen Zusammenhänge sind noch nicht an alle Ohren gedrungen.

Dieser Artikel gehört zu Kapitel 2 der Online-Reihe "Fühlen ist ein seltsames Gefühl".

Was Gefühle sind und was sie bedeuten

Gefühle, Emotionen und Lüste
Gefühle sind – das muss ich unbedingt vorausschicken, in unserer Sprache zweierlei. Einmal ist es das, was wir mit unseren "Fünf Sinnen" aufnehmen und was dabei mit uns passiert. Man sagt dann auch, „Empfindungen“ dazu oder ganz vornehm „Sinneseindrücke“. Zweitens wird das Wort verwendet, wenn wir uns mit den Wirkungen von Gefühlen beschäftigen. Dann sagen wir Emotionen dazu.

Alle wichtigen Gefühle haben etwas mit unserer Natur zu tun

Die Natur hat uns einige „Basisgefühle“ mitgegeben, zum Beispiel Liebe, Freude, und Überraschung. Aber auch Traurigkeit, Ekel und Angst gehören dazu. Meist sagen uns Forscher, dass wir zumindest einen Teil davon benötigen, um zu überleben.

Gefühle, Gedanken und Emotionen

Diese Gefühle lassen sich schlecht beschreiben – das hast du sicher schon selber festgestellt. Manchmal kommen sie in dir auf, weil du etwas siehst oder hörst – zum Beispiel ein Geräusch, dass dir „Angst macht“. Manchmal kommen sie aber auch von „innen“, und dann hast du meistens keine Ahnung, warum das so ist.

Wenn dein Gefühl „aus dir heraus will“, sprechen Wissenschaftler von einer „Emotion“. Das ist ein Fremdwort und heißt, dass dich deine Gefühle sehr „bewegen“. Du erkennst so etwas daran, dass sie deinen Körper belasten, deine Stimmung vermiesen und dein Gehirn beschäftigen. Und vor allem merkst du, dass andere diese Gefühle erkennen. Du selbst hats dann oft den Wunsch, mit jemandem darüber zu reden.

Gefühle, die aus der Chemie kommen

Der Körper von uns Menschen kann selbst Stoffe herstellen, die uns trauriger oder glücklicher machen. Das nennt man „biochemische Prozesse“, und sie spielen eine gewaltige Rolle im menschlichen Leben. Besonders wichtig sind sie für den sozialen Zusammenhalt, die Freude am Leben und auch, um die Geschlechtslust anzuregen.

Irrtümer über den "Sitz" der Gefühle

Bleiben wir noch einen Moment bei den allgemeinen Gefühlen, denn es gibt auch Irrtümer darüber. Beispielsweise, dass die guten Gefühle aus dem Herzen kommen, während die schlechten Gefühle aus unserem Denken entstehen. Manchmal wird auch gesagt, dass „Bauchgefühle“ wichtiger und wertvoller sind als andere Gefühle. Das ist nicht richtig, denn jeder Mensch lernt aus der Erfahrung, was für ihn wichtig ist und was nicht.

Verwirrung durch Gefühle und Erwachsen werden

Wahr ist aber, dass unsere Gefühle dann und wann verwirrend sind und wir nicht mehr wissen, wie wird damit umgehen sollen. Dann sollten wir mit jemandem sprechen, dem wir vertrauen und der gut zuhören kann.

Kommen wir wieder zurück zu den Gefühlen, die mit der Geschlechtslust zusammenhängen, also mit dem Sex und so. Sie entstehen mit dem Beginn der Pubertät. Es sind mächtige Drogen, die der Körper dabei erzeugt und einsetzt. Für uns Menschen sind sie zuerst verwirrend, weil wir am Anfang keine Ahnung haben, wie wir damit umgehen sollen. Dazu brauchen wir vor allem Zeit. Wir versuchen, unsere bisherigen Erfahrungen mit dem „Neuen“, was da auf uns zukommt, in Einklang zu bringen, und das funktioniert ganz schlecht. Uns beliebt also nichts übrig, als uns an das „Neue“ anzupassen und uns darauf vorzubereiten, dass dieser Trieb unser Leben verändern wird.

Ich hoffe nun, alles so einfach wie möglich erklärt zu haben. Wenn du mehr wissen willst, kannst du hier demnächst weiterlesen. Wir versuchen immer, die Texte einfach zu halten, aber sie werden länger, wenn wir etwas genau erklären sollen.

Hinweis: Diese Artikel wurde bewusst in einfacher Sprache verfasst. Er kann für Unterrichts- und Ausbildungszwecke genutzt werden.
Einführung zur Online-Reihe "Fühlen ist ein seltsames Gefühl" - Vorwort.

Musst du die Sünden fürchten?

Die Erbsünde - hier verführt der Teufel selbst ...
Der Artikel "musst du die Sünden fürchten?" versucht, in einfachen Worten zu sagen, was der Unterschied zwischen Verfehlungen, allgemeinen Sünden und sogenannten "fleischlichen Sünden" ist.

Ich habe versucht, eine Antwort darauf zu finden, was Sünden eigentlich sind und wie du sie erkennst. In den Zeiten des Internets ist dies nicht einfacher geworden, sondern wesentlich komplizierter. Es gibt einfach zu viele Meinungen und sehr wenig Wahrheiten, die sich überprüfen lassen.

Was wir wissen - die Ethik kennt keine "Sünde"

Bleiben wir zunächst beim Bekannten. Wer bei vollem Bewusstsein gegen ein allgemein anerkanntes Gesetz der Sittenlehre („Ethik“) handelt, kann anderen damit einen Schaden zufügen. Das ist aber noch keine Sünde, sondern eine „Verfehlung“. Wenn du sie bereust, kannst du sie vielleicht wieder „gutmachen“. Solche Verfehlungen begehen fast alle Menschen manchmal – wir sind eben keine „idealen Menschen“, vor allem aber sind wir keine „Heiligen“.

Die "Sünde" gibt es nur in der Religion

Das sieht anders aus, wenn du religiös bist. Dann wird aus der Verfehlung gegen deine eigenen Grundsätze oder aus den Sorgen, die du anderen damit bereitet hast, eine Sünde. Der gläubige Mensch, so lehrt man uns, kennt die göttlichen Gesetze genau, und er achtet sie. Wenn er nun aus freiem Willen etwas tut, was gegen diese Gesetze verstößt, dann sündigt er. Was im Klartext heißt: Nur der Anhänger einer Religion kann „sündigen“. Ob diese Sünden „vergeben“ werden können, ist ein Thema der Theologie, und es gibt höchst unterschiedliche Meinungen, wie dies geschehen kann.

Der falsche Begriff: "Sünden des Fleisches"

Aus religiöser Sicht gibt es „fleischliche Sünden“, die wieder aus der „fleischlichen Begierden“ hervorgehen. Die beiden Begriffe sind Umschreibungen für die menschliche Sexualität. Manche Texte aus der religiösen Welt behaupten, dass der Geschlechtsakt gemieden werden soll – der Mensch soll Gott lieben und nicht die fleischliche Lust. Andere religiöse Texte nennen die Sexualität eine „gute Gabe Gottes“. Aus den unterschiedlichen Sichtweisen des Glaubens werden oftmals Vorschriften über den Geschlechtsverkehr abgeleitet.

Die Theologie hat stets Schwierigkeiten damit, die vielfältigen sexuellen Verbote zu begründen. Doch wenn ich darauf eingehen würde, müsste ich komplizierte Gedankengänge aus der Religionswissenschaft aufrollen. Das tun nicht einmal gläubige Christen.

Diese Artikel wurde bewusst in einfacher Sprache verfasst. Er kann für Unterrichts- und Ausbildungszwecke genutzt werden.
Bild: Liebesverlag-Archiv. Skulptur eine afrikanischen Künstlers.

Lust und Sünde – wie ist das eigentlich?

Erst die Lust, dann die Sünden ...
Bisher war dieses Blog ein Experiment. Nun wird es zu dem, was es eigentlich werden sollte: ein Beitrag zu Lust und Sünde. Ich beschränke mich unter all den Lüsten, Sünden und Lastern auf die Wollust. Diese Sünde gehört in der katholischen Lehre gemeinsam mit der „Unkeuschheit“ zu den beiden „Gefährdungen“ des Menschen, die aus dem sexuellen Verlangen entstehen.

Die Behauptung geht dahin, dass aus den Wurzeln dieser Sünden weitere Verfehlungen wachsen, die wieder andere Gefahren nach sich ziehen.

Behauptung: der Keusche kommt nicht in Versuchung

Im Grunde ist die Sache einfach: Wer nur keusche Gedanken hat, der wird auch ein keusches Leben führen. Und wer ein keusches Leben führt, ist nicht der Verführung ausgesetzt, weitere Lüste zu erproben. Also wird versucht, die Keuschheit zu idealisieren – und weil es wesentlich einfacher ist, den Keuschheitsanspruch an die Frau zu stellen, werden alsbald Frauen als Garanten der Keuschheit bemüht. Das alles wird bis heute so gelehrt.

Das religiöse Modell der sexuellen Sünde mündete in das Patriarchat

Und tatsächlich funktionierte dieses Prinzip, solange die Verhältnisse in Ehe und Familie weitgehend nach dem Vorbild des „Alten Testaments“ gelebt wurden – also mindestens bis ins 19. Jahrhundert. Ob dies wirklich etwas mit der vorherrschenden Religion zu tun hatte, ist umstritten. Jedenfalls ging die ursprünglich religiös geprägte Formel nahezu nahtlos in das Patriarchat über. Ein kurzer Überblick: Männer konnten ihre Lüste ausleben, Frauen nicht. Männer schrieben das Recht fest und auch die Moral. Und Männer konnten bestimmen, nach welchen Regeln geheiratet wurde.

Frauen wurde jede Eigenständigkeit abgesprochen

Die Gedanken zu jener Zeit (bis weit ins 19. Jahrhundert hinein) beruhten darauf, dass Frauen kein eigenständiges Dasein führen konnten. Vor allem, weil nur sehr wenige Frauen über ein eigenes Einkommen oder ein eigenes Vermögen verfügten. In einem solchen Leben war auch eine eigenständige Sexualität nicht denkbar. Behauptet wurde, dass „anständige“ Frauen nicht einmal den Wunsch verspürten, geschlechtlich mit einem Mann zu verkehren. Allgemein dachten sogar Ärzte, dass eine Frau erst durch einen Mann „erweckt“ werden müsste, um geschlechtliche Lüste zu verspüren. War sie nicht auf solche Art „erweckt“ worden und verspürte sie dennoch sinnliche Lüste, so wurde sie als „nicht normal“ abgewertet. Dazu ein Zitat:

(Ist das Weib) geistig normal entwickelt und wohlerzogen, so ist sein sinnliches Verlangen ein geringes … jedenfalls (ist) das Weib, welches dem Geschlechtsgenuss nachgeht, (eine) abnorme Erscheinung.

Neue moralische Sittenwächter treten auf - im alten Stil

Das heißt: Selbst als die katholische Kirche und sittenstrenge evangelikale Kreise an Einfluss verloren, traten neue Sittenwächter auf, die ähnlich dachten. Auch sie wollten Frauen daran hindern, eine eigenständige Sexualität zu entwickeln. Was zuvor als religiöse Norm galt, wurde nunmehr zur gesellschaftlichen Norm. Zwar ließ der Glaube nach, aber die Elemente einer angeblich „christlichen“ Moral blieben erhalten.

Doch was ist heute? Wie wollen wir heute leben?

Die Frage ist letztlich: Wie bewerten wir die Sexualität heute? Können wir in Lust und Wonne leben, ohne Regeln aufzustellen? Wer bewertet, was „unzüchtig“ oder gar unerwünscht ist? Was ist für uns „normal“? Und muss alles, was für uns eine Norm darstellt, auch für alle anderen Menschen gelten?

Die meisten von uns stellen sich irgendwann einmal diese Fragen. Und sie werden an uns gestellt – von Soziologen, Psychologen, Redakteuren, Moralisten und zahllosen Sektierern - mit Recht oder zu Unrecht.

Und wenn wir uns alles gefragt haben oder von allen befragt wurden, gibt es nur eine vernünftige Lösung: darüber zu sprechen, was uns bewegt. Dazu gehört auch, herauszufinden, was uns eint und was uns trennt.

Und letztlich: Wer eine Beziehung sucht, möchte auch, dass beide ein annähernd gleiches Verhältnis zu den Wonnen der Lust haben, denn unser gemeinsames Leben müssen wir auch miteinander verantworten. Und das ist genau das, worüber wir reden können - über unsere Verantwortung für die Lust, die Liebe und die Gestaltung unseres gesamten Lebens.

Zitat aus: Richard von Krafft-Ebing, Psychiater. In "Psychpathia sexualis" zuerst erschienen 1886