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Welche Gefühle interessieren Psychologen?

Die Gefühle, die Psychologen, Psychotherapeuten und ähnliche Berufszweige interessieren, gehen aus zahllosen wissenschaftlichen Dokumenten hervor. Die Psychologie hat sich dafür entschieden, dass es acht „Primäremotionen“ gibt, die ich nun vereinfacht darstellen will.

Die wichtigsten Fragen des Überlebens sind für Menschen: Feinde erkennen, Gemeinschaften zu finden und sich fortzupflanzen. Hinzu kommen Gefühle, die unseren Alltag betreffen und nicht zwingend erforderlich sind, um zu überleben. Die acht Gefühle sind laut dem Psychologie-Professor Robert Plutchik:

1. Die Furcht (Angst). (Terror)
2. Das Vertrauen. (Admiration)
3. Die Lust. (Ecstasy)
4. Der Zorn. (Rage)
5. Der Kummer. (Grief)
6. Die Abneigung. (Loathing)
7. Das Erstaunen. (Admiration)
8. Die Erwartung.(Vigliance)


Zu den einzelnen Bezeichnungen muss hinzugefügt werden, dass Plutchik englische Begriffe benutzte. Sie sind in der Übersetzung oft anders dargestellt worden als hier.

Die Furcht, auch als „Schrecken“, mit der möglichen Folge der Panik.
Der Zorn mit der Vorstufe des Ärgers und der Folge der Wut.
Die Lust auch als „Freude“ und im Zusammenhang mit der Ekstase.
Der Kummer auch als „Traurigkeit“
Die Akzeptanz mit dem Wort „Vertrauen“, auch mit „Bewunderung“
Die Abneigung, auch als „Ekel“ definiert, mit der Abscheu.
Das Erstaunen auch als Überraschung- auch als Bewunderung.
Die Neugierde, auch als Erstaunen, und als Umsicht oder Erwartung.


Diese Gefühle lassen sich ausführlicher beschreiben. Wir werden später sehen, wie die Kombinationen weitere Gefühle abdecken können. Zugleich werden wir darüber erden müssen, ob alle die „Gefühle“ wirklich das „Fühlen“ betreffen und ob dieses Schma für alle Gefühle gültig ist.

Zunächst die Definitionen in einfacher Sprache:

Lust

Lust ist der Zustand, in dem wir uns wohlfühlen - bei der Arbeit, in der Freizeit, beim Essen und natürlich beim Sex. Wir sind also zufrieden mit uns selbst und mit anderen.

Vertrauen

Wir vertrauen uns, anderen und den Umständen. Wir handeln mit diesem Gefühl und durch dieses Gefühl und glauben, dass uns (und anderen) dadurch keinerlei Schaden entsteht. Das Vertrauen ist im Grunde die Reaktion, mit der wir bewusst oder unbewusst unser Leben gestalten.

Angst

Angst ist die Unsicherheit, die uns überfällt, wenn wir nicht wissen, was uns erwartet und wir daran zweifeln, dass es für uns selbst „gut ausgeht“. Es ist aber auch eine Körperreaktion, die unbedingt nötig sein kann, um Gefahren abzuwenden.

Erstaunen

Wenn wir keinerlei Ahnung haben, wie etwas ausgehen wird und wie weder etwas fürchten noch erwarten, dann setzt das Erstaunen ein. Man sagt, es sei die Normalreaktion, wenn wir mit etwas völlig Neues erproben und es gleich gelingt oder wir aus Zufall beschenkt werden.

Zorn

Wenn uns etwas von außen trifft und gegen unsere eigenen Neigungen oder Prinzipien verstößt oder wenn man uns in entsprechender Weise „behandelt“ (zum Beispiel herabwürdigt) empfinden wir Zorn, der auch in Wut umschlagen und dann zu heftigen Reaktionen führen kann.

Kummer

Kummer, Traurigkeit oder der unerwartete Verlust von Vertrauen in uns selbst führt dazu, „niedergeschlagen“ zu sein. Diese Reaktion versetzt uns in einen Zustand des „Grübelns“, und wir benötigen dann jemanden oder auch etwas, das uns „da wieder herausholt“.

Abneigung (Ekel)

Abneigung ist eine der natürlichen Reaktionen, jemandem keinen Zugang zu Körper, Geist und Emotionen zu gewähren - also ihn abzulehnen oder zu meiden. Bei der Lust beispielsweise, auf keinen Fall sexuellen Umgang mit ihm/ihr zu haben.

Erwartung

Erwartung ist eines der Gefühle, die sich auf die Zukunft beziehen - manche Autoren sagen deshalb eher, es handele sich um Neugierde. Wieder andere fragen sich, ob sich diese Haltung überhaupt als „Gefühl“ bezeichnen lässt.

Die Kombinationen aus den Etiketten

Nachdem wir nun die „Etiketten“ behandelt haben, werden viele von euch sagen: Ja, aber das bildet eigentlich nicht die Gefühle ab, die ich selbst habe.“ Doch diese Sichtweise kann verbessert werden, wenn man sich anseht, dass viele der grundlegenden Gefühle miteinander kombiniert werden können. Dazu kommt noch, dass derartige Gefühle viele Namen haben, also nicht ein einziges „Etikett“

Das zeige ich an Beispielen:

Lust und Vertrauen - Liebe empfinden.
Lust und Erwartung - optimistisch sein.
Vertrauen und Furcht - sich unterordnen.
Furcht und Überraschung - Aufkommen von Panik.
Überraschung und Kummer - enttäuscht sein.
Kummer und Abneigung - etwas bereuen.
Abneigung und Frucht - jemanden verachten.
Zorn und Erwartung - aggressiv werden.


Wenn wir nun die „reine Lehre“ verlassen und damit auch der Psychologie erneut den Rücken kehren ergibt sich die Frage, ob es sich bei allen acht „ultimativen Standard-Gefühlen“ wirklich um Gefühle handelt. Insbesondere bleibt bei diesen Definitionen völlig unklar, warum sich manche Gefühle so heftig auswirken, während andere eher langsam entwickelt werden.

Kritik und die Frage: Was machen Gefühle eigentlich mit uns?

Unklar bliebt auch, ob und wie sich Gefühle ständig „neu bilden“ und wann und wie sie dabei von Neurotransmittern beeinflusst werden. Immerhin wird der größte Teil all unserer Handlungen durch ein erlerntes Verhalten bestimmt, an dem nur noch teilweise spontane Emotionen beteiligt sind.

Und schließlich fällt noch etwas auf: Mit jedem Etikett, das die Psychologie als „grundlegend“ vergibt, wird die eigene Möglichkeit, Gefühle zu beschreiben, stark eingeschränkt.

Wenn man berücksichtigt, dass auch andere als Robert Plutchik am Thema geforscht haben, fällt auf, dass sie teils zu gleichen, teils aber auch völlig anderen Schlüssen gekommen sind. Die Mehrheit wollte nur Ärger und Furcht, Abneigung (Ekel), Freude und Traurigkeit als Basisemotionen gelten lassen. Andere fügten einzelne Gefühle hinzu, die ihrer Meinung nach fehlten: Dazu gehören auch Scham, Verzweiflung, Akzeptanz und elementare Gefühle wie Liebe und Hass. Ferner werden Hoffnung, Glück, Panik, Schuld, Verachtung und Zufriedenheit genannt.

Generell lässt sich sagen, dass sich manche Begriffe überschneiden. Andere wurden neutralisiert, zum Beispiel alle, die sich um den Fortpflanzungstrieb und die daraus entstehenden Emotionen drehen. Auch die babylonische Sprachverwirrung zieht tiefe Furchen in die Bezeichnungen. Von der Gelehrtensprache in simples Englisch, vom Englischen in die jeweilige Sprache des Lesers übersetzt, entstehen Worthoppeleien über ganze Wertfelder. Ein Beispiel ist „vigilance“, aus dem Französischen für „Wachsamkeit“ ins Englische übernommen, übersetzt mit „Umsicht“, aber in der Bedeutung eher als „Erwartung“ bezeichnet. Kein Mensch weiß, warum „Umsicht“ zu den Gefühlen gehören soll - es ist eine Maßnahme.

Der letzte Satz soll keine Kritik an der Idee des Robert Plutchik darstellen. Es ist aber ein Beispiel dafür, dass eine etikettierende Sprache völlig ungeeignet ist, um Gefühle zu verdeutlichen. Eine beschreibende Sprache wäre um vieles sinnvoller.

Dies alles führt uns zum nächsten Thema. Es geht darum, was Gefühle für uns bedeuten - also, einfach ausgedrückt, was sie „mit uns machen“. Denn so viel dürfte klar sein: Sie regulieren und deregulieren, nützen und schaden, und wir nehmen sie manchmal wahr und manchmal nicht.

Dieser Artikel ist Teil der Betrachtungen der Wissenschaften, die sich mit Gefühlen beschäftigen. Der Psychologie wird dabei viel Raum gegeben - und das machen wir auch in der Online-Reihe "Fühlen ist ein seltsames Gefühl". Der Beitrag stammt aus dem zweiten Teil.

Die Psychologie als Hüter der Gefühle

Seit die Psychologie die Psyche als philosophisches Phänomen verlassen hat und die „Psychologie ohne Psyche“ von Wilhelm Wundt (ab ca. 1870) eingeführt wurde, hat sich etwas in der Sichtweise der Gefühle verändert. Aber erstens nicht genug, um die Ergebnisse anzuerkennen, und zweitens gab es einen erheblichen Rückschlag, als die Psychologie durch Carl Gustav Jung (ab ca. 1915) erneut mystifiziert wurde.

Das ist die Ausgangslage. Die Psychologie schwankt zwischen mystischen Vorstellungen des „Unbewussten“ und den harten Fakten der Evolution. Doch immer mehr wird deutlich: Die Naturwissenschaften sind in die Psychologie eingedrungen - und Gefühle können nie wieder so definiert werden, wie Freud und Jung sie sahen. Wir sind also gefordert, unser Weltbild zu verändern und es neuen Erkenntnissen anzupassen.

Psychologie ohne Mystik - eine neue Sichtweise

Bei den Gefühlen haben wir eine andere Ausgangslage als bei Religion und Philosophie. Seit sie nicht mehr mit dem „Gemüt“ identifiziert werden, und wir immer mehr über die Entstehung der Gefühle wissen, sind sie dem Zauber des Mystischen entrissen. Seither können wir Gefühle auf natürliche Ursachen zurückführen. Dabei helfen uns nicht nur Kenntnisse über die Evolution, die Biochemie, die Lernprozesse und die allgemeinen Funktionen unseres Gehirns. Eine heute fast vergessene Wissenschaft, die Kybernetik, erlaubte uns, Regelungs- und Rückkoppelungsprozesse aus dem technischen Bereich auch auf den Menschen anzuwenden. Diese Methode ist ebenfalls nicht neu, aber man benutzte andere Namen dafür. Sie wurde zumindest in Teilen schon von dem Psychologieprofessor William James (1872) angewendet, der den Pragmatismus in die Psychologie einbrachte. Auch beidem bereits erwähnten Leipziger Professor Wilhelm Wundt taucht eine neutrale, naturbezogene Betrachtungsweise auf. In der Folge gab es mehrere Autoren, die versuchten, die Natur des Menschen durch Ingenieurwissenschaften zu erklären, unter anderem der populäre Mediziner Fritz Khan in den 1920er-Jahren. In den 1970ern gab es zahllose Ansätze, die den Menschen als ein „sich selbst regulierendes System“ darstellten und dabei Elemente der Nachrichtentechnik und der Kybernetik benutzten. Die geschah etwa in den 1970er-Jahren, namentlich auf Initiative von Karl Steinbuch.

Auch Paul Watzlawick hat mit seiner Kommunikationstheorie namhaft dazu beigetragen, dass Gefühle „entmystifiziert“ wurden. Wenn es nämlich unmöglich ist, nicht zu kommunizieren, werden Gefühle bereits kommuniziert, bevor überhaupt ein Wort gefallen ist.

Warum Psychologie weiterhin wichtig ist

Die Psychologie ist deshalb als Interpretin der Gefühle nicht „gestorben“. Das liegt an einer Tatsache, die uns alle hemmt, denn bekanntlich haben wie keinerlei Möglichkeit, die Gefühle, Gedanken und Entscheidungen exakt nachzuverfolgen – von der Entstehung bis zu den Folgen. Wir nehmen inzwischen an, dass dies alles ziemlich individuell abläuft. Denn bevor, ein Gefühl einen erkennbaren Ausdruck bekommt, hat es in vielen Fällen einige Dutzend Hürden überwunden, Warteschleifen gedreht oder Wandlungen erfahren. In ihnen liegt nach wie vor das Geheimnis, das wir nicht lösen können.

Das Drama der Psychologie heißt Definitionssucht

Das Drama der Psychologie besteht in ihrer Definitionssucht: Ist etwas einmal etikettiert, dann existiert es auch – unabhängig von den Erkenntnissen anderer. Nun sind aber Gefühle keine festen Größen, und aus diesem Grunde wandeln sie sich im Menschen, in der Gesellschaft und auch in der Wissenschaft.

Aber – was meinen denn nun eigentlich Psychologen zu Gefühlen?

Das wollen wir herausfinden und uns einige der gegenwärtig gültigen Definitionen der Psychologie ansehen.

Dieser Artikel gehört zu Kapitel 2 der Online-Reihe "Fühlen ist ein seltsames Gefühl" und behandelt die Rolle der Psychologie bei der Beschreibung und Bewertung von Gefühlen.