Der Harem - von der Realität zum erotischen Flagellations-Roman

Das verzerrte Sittengemälde des Orients
Das Buch vermischt Tatsachen mit surrealen erotischen Motiven, nimmt Personen des Zeitgeschehens zum Vorbild, verzerrt ihre Motive und wird auf diese Weise zum Sittengemälde des 19. Jahrhunderts. Der Briefwechsel selbst ist frei erfunden, jedoch kommen in ihm wieder Personen und Ereignisse der Zeitgeschichte vor. Kurz. Die junge Diplomatentochter Lizzy reist mit einigen anderen Personen nach Ramallah, um den dortigen Pascha zu treffen. Mitglied der Reisegruppe ist auch ein gewisser Dr. Jacobus, der seine sadistischen Gedanken als wissenschaftlich fundierte Fakten vorträgt und der in den Briefen letztlich für Zynismus und Frauenfeindlichkeit steht.
Nachdem die meisten Zitate aus dem Buch ungeeignet sind, um hier veröffentlich zu werden, deutet die folgende Beschreibung auf einen ähnlichen Reisebericht einer reisenden Autorin hin: (Seite 48):
Wie groß meine Neugier auch war, ich achtete sorgfältig darauf, zunächst kein übermäßiges Interesse am Harem zu zeigen. Ich sprach nur beiläufig mit dem Pascha darüber. … Er gestand, dass er eine Vorliebe für englische und europäische Mädchen habe – ebenso wie für arabische, indische und sogar karibische. Ich konnte nichts dagegen einwenden, da ich wusste, dass die Macht meines Vaters mich vollkommen schützte. Dennoch war mein Verlangen, die Schönheiten seines Serails zu erblicken, nun stärker denn je. Zu meinem Erstaunen sagte er ganz beiläufig: „Wenn du morgen Zeit hast, allein herzukommen, werde ich Nabyla anweisen, dich zu jener Galerie zu führen, von der aus du meine Schätze betrachten kannst.“
Woher könnten solche Informationen stammen?
Gesichert ist es nicht, doch scheint es so, als ob der Autor bei der englischen Schriftstellerin Julia Sophia H. Pardoe nachgelesen hatte. Frau Pardoe hatte nach eigenen Aussagen Zugang zu mehreren Harems, in denen sie ganze Tage und Nächte in der Gesellschaft der Frauen verbrachte.
Wir lesen dazu:
Die Reiseliteratur von Frauen war im 19. Jahrhundert ein besonders lukratives Genre, und die Harem-Literatur erfreute sich als dessen Subgenre einer ganz besonderen Nachfrage. Diese Berichte, die von angesehenen Verlagen publiziert wurden, erschienen aufgrund ihres großen Erfolgs häufig in Zweit- oder sogar Drittauflagen.
Insofern ist zumindest die Reise, die auf 1904 datiert wurde, keine Utopie, ebenso wenig wie der Besuch einer weißen, gebildeten Frau im Harem eines Sultans.
Es scheint, als ob der Arzt Dr. Jacobus, einer der Schlüsselfiguren des Romans, dem tatsächlich existierenden Gynäkologen Dr. Isaac Baker-Brown entsprach. Er hatte sich im Laufe seiner Tätigkeit einen zweifelhaften Ruhm mit seiner Praxis der Klitoris-Entfernung erworben.
Das Fazit
In der Zusammenfassung ergibt sich dieses Bild: Die beiden Briefschreiber im Roman sind jeweils Zerrbilder tatsächlich existierender Personen, die Mitte oder Ende des 19. Jahrhunderts gelebt hatten. Weil der Roman von vornherein auf Leser(innen) angelegt war, die sich mit „strenger Erziehung“ beschäftigten, wurde dieses Thema Gegenstand des gesamten Romans. Die Figur des Arztes Dr. Jacobus passte hervorragend in eine Zeit, in der über Frauen „von oben herab“ geurteilt wurde, was letztlich auch auf das Vorbild zutraf.
Wer immer die Autoren des Buches waren – sie hielten der Gesellschaft ihrer Zeit zugleich einen Spiegel vor und versuchten dennoch, dabei ein unsagbar pornografisches Buch zu schreiben.
Hinweis: Der andere Teil des Buches – also die Briefe, die Lizzy von ihrem Bekannten Charlie empfing, haben ausschließlich etwas mit „Britischer Disziplin“ zu tun. Sie wurden aus diesem Grund hier nicht behandelt.
Das Buch selbst erschien bei zahlreichen Verlagen unter dem Namen verschiedener Autoren. Es enthält Szenen, die sich nicht für für empfindsame Personen eignen.
Bild: Sandor Alexander Svoboda, Ungarisch-armenischer Maler
