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Fühlen und Körper

Hätten wir keinen Körper, so wären Gefühle lediglich ein Begriff aus der Abteilung „Mysterien des Seins“. In Wahrheit ist der Körper der Träger der Gefühle. In ihm werden sie empfangen und verarbeitet. Und aus ihm heraus kommt schließlich eine Reaktion, die wenigstens für den „Inhaber“ des Körpers erkennbar ist - also für uns. Und oftmals eben auch für andere.

Soweit das „Soziale“ betroffen ist, sind Gefühle, die „körperliche Reaktionen“ auslösen, zumeist sinnvoll. Oft ist uns dennoch nicht klar, was sie wirklich bedeuten, zum Beispiel grundlose Scham. Wollten wir das erfahren, müssten wir tiefer in die Sozialstrukturen unserer Vorfahren und tierischen Verwandten eindringen, also mindestens bis zu anderen Primaten. In jedem Fall gehören Gefühle, die sich körperlich äußern, aber nicht eindeutig sind, zur „analogen“ (oder „nonverbalen“) Kommunikation in Gruppen. Ähnliches dürfte für „weiche Knie“ und ähnliche heftige Phänomene gelten, auf die wir kaum Einfluss haben. Diskutiert wird heute, welche dieser Gefühle durch die Evolution entstanden sind, meist, um das Sozialgefüge zu verbessern, und welche „anerzogen“ sind. Beispiele: („Das tut man nicht“, das ist „Pfui“, darüber spricht man nicht)“.

Beispiel Sexualität

Alles, was mit der Fortpflanzung zusammenhängt, äußert sich zwangsläufig körperlich – von der „Anziehung“ der Geschlechter über den reinen Geschlechtsakt bis hin zu Abweichungen und Spielformen. Der Ursprung ist unabhängig von der „sexuellen Orientierung“, also gleich, ob sich ein einzelner Mensch zu einem sogenannten „Heterosexuellen“ entwickelt oder sich als „Homosexuell“ einordnet. Da nahezu alle Lebewesen in der Sexualität mit „Überschuss“ arbeiten (eine enorme Anzahl von Spermien, befruchteten Eiern oder eine entsprechende Menge körpereigener Drogen), ist Sexualität eine der extremsten Auswirkungen der Gefühle.

Das bekannte Fühlen

Die Gefühle innerhalb der Sexualität sind zwar nicht sehr ausführlich dokumentiert, haben aber den Vorteil, dass sie von vielen Menschen erlebt werden konnten. Zumeist wächst das Gefühl der Lust zunächst langsam. Das liegt an einem Prinzip unseres Gehirns wie auch unseres Körpers allgemein: Gefühle, die keine sofortigen Handlungen verlangen, werden solange „auf Sparflamme“ gehalten, bis die Situation konkreter wird. Wäre das nicht so, müsste jedes Mal ein gewaltiger körperlicher Prozess in Gang gesetzt werden, der viel Ressourcen kostet.

Ein Beispiel dafür ist der Flirt, der die Möglichkeiten für den Geschlechtsverkehr andeutungsweise und spielerisch offenlegt. Dennoch führt er nur selten zur spontanen Ausführung“. Wenn wir viele Zwischenstufen überspringen, kommen wir zu dem Moment, in der Geist, Emotionen und Körper sich einig sind, nunmehr den Geschlechtsverkehr auszuüben. Danach gibt es kaum noch ein „Zurück“, und der Prozess wird unter dem Einfluss der Wollust, die den Körper durchströmt, mit allen Konsequenzen ausgeübt. Dabei wird der Verstand bewusst „zurückgeschaltet“, während die Begierde gesteigert und schließlich durch eine Ejakulation und/oder durch einen Orgasmus belohnt.

Einige Gefühle führen zu menschlichen Handlungen, die uns empören oder die geschriebene Gesetze brechen, andere führen zu vorübergehenden Schäden oder wundersamen Reaktionen.

Beispiel Angst

Die Angst gilt als eines der stärksten Gefühle. Sie stammt eindeutig aus der Evolutionsgeschichte und ist an sich nicht negativ besetzt. Erst, wenn sie uns lähmt oder hindert, ein besseres Leben zu führen, bekommen wir Schwierigkeiten. Und falls diese nicht nach kurzer Zeit wieder verschwinden, werden wir möglicherweise zum Klienten eines Verhaltenstherapeuten oder zum Patienten eines Psychiaters. Derzeit ist noch unklar, warum sich manche Gefühle (nicht nur die Angst) in der Erinnerung festsetzen und dort Unheil anrichten.

Manche Gefühle äußern sich körperlich in Aggression (Angriffslust). Obgleich diese Gefühle auch aus den Grundlagen der Evolution stammen, versuchen wir, sie weitgehend zu verhindern.

Sobald wir darüber reden, betreten wir das Gebiet des „Lernens“. Wenn wir etwas als „Gefahr“ empfinden, können wir fliehen, standhalten oder in Kampfstellung gehen. Ob wir dann „zuschlagen“ oder nicht, ist ein Ausdruck dessen, was die Natur uns mitgab und was wir zusätzlich sozial erlernt haben. Viele junge Säugetiere erlernen dies im Spiel - der „Gegner“ wird spielerisch so lange attackiert, bis er eine Demutsgeste zeigt oder verschwindet. Es sei denn, man würde selbst fliehen oder Demut bezeugen.

Wir wissen noch lange nicht alles über die Gefühle

Wir wissen nicht alles über alle Gefühle. Insbesondere bleibt unklar, warum sich Gefühle „verselbstständigen“ und auf diese Weise Schaden anrichten. Es ist auch nicht Sinn dieser Betrachtungen, krankhafte Regungen zu beschreiben. Der „gesunde Körper“, der „gesunde Geist“ und der vernünftige Einsatz von Gefühlen ist – wie ich meine – schon interessant genug. Und selbst die einfachen Zusammenhänge sind noch nicht an alle Ohren gedrungen.

Dieser Artikel gehört zu Kapitel 2 der Online-Reihe "Fühlen ist ein seltsames Gefühl".